Vom Hochlauf zur Transformation – Die entscheidenden Jahre der E-Mobilität
Beim 9. SMATRICS E-Mobility Talk am 12. Juni 2026 stand die Zukunft der E-Mobilität in Österreich und die nächsten wichtigen Schritte zur Erreichung der gesteckten Ziele im Mittelpunkt der Diskussion. Mit dabei waren Hauke Hinrichs (SMATRICS), Daniel Hantigk (E-Control), Hans-Jürgen Salmhofer (BMIMI), Sigrid Stagl (WU Wien) und Philipp Wieser (Österreichs Leitstelle für E-Mobilität/AustriaTech).
Die Expert:innen sehen Österreich auf Kurs Richtung E-Mobilität: Während die Technologie ihre Marktreife bewiesen hat und der Hochlauf bei Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur deutlich Fahrt aufnimmt, werden die kommenden Jahre vor allem von politischen und regulatorischen Entscheidungen geprägt sen. „Für eine gelungene Transformation braucht es ein gemeinsames Zielbild, dass Mobilität und Energie noch stärker zusammenführt“, betont Hauke Hinrichs, CEO von SMATRICS.
E-mobile Meilensteine
Die aktuellen Marktdaten sprechen eine klare Sprache: Jeder 20. PKW im Bestand ist elektrisch unterwegs. Im April 2026 war jeder vierte neu zugelassene PKW batterieelektrisch, in Oberösterreich sogar jeder dritte. Weitere Meilensteine werden noch heuer erwartet: Laut Österreichs Leitstelle für Elektromobilität wird im Sommer 2026 voraussichtlich die Marke von 300.000 E-PKW und 40.000 öffentlichen Ladepunkten erreicht. Den nächsten Paradigmenwechsel sieht Philipp Wieser, Leiter der nationalen Leitstelle in rund zwei Jahren: „Unsere Prognosen zeigen, dass im Laufe des Jahres 2028 batterieelektrische Fahrzeuge bei den Neuzulassungen auch den Benziner überholt haben werden. Danach wird es sehr rasch gehen und Österreich könnte eine vollständige Elektrifizierung bis 2032 erreichen.“
Besonders stark entwickelt sich der Ausbau von Ultraschnellladeinfrastruktur, Österreich liegt hier europaweit auf Platz 3. National entfallen von 2,4 GW fast 1,4 GW auf Ultraschnellladepunkte, also rund 58 Prozent. 2025 hat sich in vielen Bundesländern der HPC-Anteil mehr als verdoppelt.
Planungssicherheit statt Zickzackkurs
Für SMATRICS belegen diese Entwicklungen, dass Österreich seine Hausaufgaben gemacht und wesentliche Voraussetzungen für den Hochlauf der E-Mobilität geschaffen hat: Dazu zählen Maßnahmen wie das Right to Plug im Wohnbau, angepasste Eichrechtsvorschriften oder die Umsetzung von Direct Payment an der Ladesäule. Gleichzeitig sieht Hinrichs Handlungsbedarf: „Wir müssen dieses Window of Opportunity jetzt nutzen, um noch vorhandenen Baustellen zu schließen. Die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, wie schnell wir die Elektrifizierung tatsächlich skalieren können.“ Größten Handlungsbedarf sieht er bei der Standardisierung des Netzanschlusses, der Digitalisierung und steigenden Netzentgeltkosten. Letztere sind in den vergangenen Jahren zwischen 30 und 50 Prozent angestiegen, was zunehmend Druck auf Ladeinfrastrukturbetreiber ausüben würde. Auch widersprüchliche politische Signale sieht er kritisch: „Die E-Mobilität braucht keine Dauersubventionierung. Aber den Umstieg und damit den Ausweg aus der Energieabhängigkeit und den Weg zur Klimaneutralität zu verteuern, ist falsch.“
Was bereits bei den Konsument:innen angekommen ist: Die Preise an der Ladesäule sind wesentlich stabiler als aktuell die Benzin- und Dieselpreise. Damit trägt E-Mobilität mit durchgängig konstanten Preisen auch maßgeblich zu mehr Planbarkeit bei.
Transformation ist volkswirtschaftlich alternativlos
Für die Umweltökonomin Sigrid Stagl steht die volkswirtschaftliche Notwendigkeit der Mobilitätswende außer Frage. Im Zentrum der Debatte steht nicht mehr das „Ob“, sondern das „Wie“ der Transformation. Ein geordneter Übergang reduziert Unsicherheit für wirtschaftliche Entscheidungsträger:innen und senkt nachweislich die damit verbundenen Anpassungskosten.
„Aus ökonomischer Perspektive ist der Verzicht auf unterstützende Rahmenbedingungen für die Elektromobilität nicht rational begründbar. Die empirische Evidenz zeigt konsistent, dass die Kosten des Nicht-Handelns jene der Transformation deutlich übersteigen“, so Stagl. Abschätzungen zufolge liegen die gesamtwirtschaftlichen Kosten eines verzögerten Klimaschutzes um das Drei- bis Fünffache höher als jene einer frühzeitigen und gesteuerten Umstellung. Zudem führte die lange Phase regulatorischer Unsicherheit und das Festhalten an konventionellen Antriebstechnologien bereits zu erheblichen Fehlinvestitionen und Milliardenverlusten in der Automobilindustrie.
Ein zentraler Hebel für eine kosteneffiziente Transformation liegt in der Umlenkung bestehender Finanzströme. International belaufen sich explizite und implizite Subventionen für fossile Energieträger auf rund 7 Billionen US-Dollar jährlich. Dem steht ein geschätzter Finanzierungsbedarf für die globale grüne Transformation von etwa 9 Billionen US-Dollar gegenüber, wobei derzeit rund 3 Billionen US-Dollar pro Jahr mobilisiert werden. Klimaschädliche Subventionen zu reduzieren ist daher der ökonomisch naheliegendste erste Schritt.
Auch für Österreich zeigt sich ein ähnliches Bild: Klimakontraproduktive Subventionen betragen jährlich rund 5,7 Milliarden Euro, während der zusätzliche Investitionsbedarf für die ökologische Transformation auf etwa 6,2 bis 10,9 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt wird. Die Umschichtung bestehender Mittel kann somit einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung der Transformation leisten. Die Elektrifizierung des Verkehrs ist in diesem Kontext kein Selbstzweck, sondern Ergebnis von Effizienzüberlegungen. „Elektromobilität ermöglicht es, Mobilitätsleistungen mit einem signifikant geringeren Energieeinsatz bereitzustellen und gleichzeitig klimapolitische Zielsetzungen kosteneffizient zu erreichen“, betont Stagl.
Wachstum und Nutzung der Ladeinfrastruktur in Österreich
Gerade bei der öffentlichen Ladeinfrastruktur zeigt sich laut E-Control, dass Österreich sehr gut aufgestellt ist. „Aktuell schreitet der Ausbau der Ladeinfrastruktur in gleichem Maße voran, wie die Anzahl der E-Fahrzeuge zunimmt. Das bringt Nutzer:innen in die glückliche Lage immer ausreichend freie Ladeinfrastruktur vorzufinden. Betreiber hingegen werden in Zukunft noch stärker die Wirtschaftlichkeit ihrer Standorte im Auge behalten müssen“, erklärt Daniel Hantigk. Im ersten Quartal 2026 wurde in Österreich 6,9 Mio. Stunden öffentlich geladen, das entspricht je nach Bundesland einer Auslastung zwischen 7 und 19 Prozent.
Für 40 Prozent der Nutzer:innen ist der Preis immer noch das entscheidende Kriterium bei der Auswahl des Ladevertrags. 84 Prozent der E-Mobilist:innen greifen daher nach wie vor auf Ladekarten und Ladeverträge zurück, während der Anteil an Ad-Hoc-Ladern seit Jahren konstant bei 13 Prozent bleibt. Dabei liegen Ad-Hoc-Preise und Ladetarif-Preise näher beisammen als oft vermutet wird. So liegt der Median der gemeldeten Ad-Hoc-Preise nach Ladeleistung bei 61,5 Cent. Ausbaubedarf sieht Hantigk allerdings bei der Sichtbarkeit und besseren Beschilderung von öffentlicher Ladeinfrastruktur.
Regulatorik (noch) entscheidender Faktor – gemeinsame Vision als Schlüssel
Für Hans-Jürgen Salmhofer vom Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur bleibt Regulierung auch in Zukunft ein zentraler Faktor. „Die Entwicklung zur Elektromobilität wird mit oder ohne Regulierung stattfinden. Die entscheidende Frage ist, ob Europas Industrie davon profitieren kann und ihre Wettbewerbsfähigkeit behält“, so Salmhofer.
Mit Blick auf die aktuellen Diskussionen rund um die europäischen CO2-Flottengrenzwerte und das Automotive Package der EU zeigt sich, wie unterschiedlich die Vorstellungen innerhalb Europas weiterhin sind. Technologisch ist die Diskussion jedoch weitgehend entschieden, wie Rekordzulassungen an Elektroautos global sowie insbesondere auch in Europa und am weltgrößten Automarkt in China Monat für Monat zeigen. Jetzt kommt es darauf an, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Transformation verlässlich, wirtschaftlich und mit der notwendigen Geschwindigkeit umgesetzt werden kann.